Gestalten · Automatisierung und KI

Wie prüfe ich, ob Automatisierung einen Geschäftsprozess verbessert?

Eine Eignungsprüfung verbindet Prozessreife, Regeln, Daten, Ausnahmen, Risiken und Wirtschaftlichkeit zu einer belastbaren Automatisierungsentscheidung.

Nicht jeder häufige oder lästige Arbeitsschritt ist automatisch ein guter Kandidat für Automatisierung. Entscheidend ist, ob ein technisches System den gewünschten Beitrag verlässlicher, wirtschaftlicher oder schneller erbringen kann, ohne neue Abhängigkeiten und Risiken zu erzeugen, die den Nutzen überwiegen.

Eine Eignungsprüfung beginnt deshalb beim Prozess und seiner Wirkung – nicht bei einem Produkt.

1. Welches Problem soll gelöst werden?

Beschreibe zuerst den beobachtbaren Ausgangszustand:

  • Wo entstehen Wartezeiten, Fehler oder unnötige Rückfragen?
  • Welche Arbeit wird mehrfach ausgeführt?
  • Welche Folgen hat das für Kunden, Beschäftigte oder Ergebnisqualität?
  • Welcher messbare Zustand soll sich verbessern?

„Wir möchten automatisieren“ ist kein Ziel. „Bestätigte Aufträge sollen ohne erneute Erfassung innerhalb von fünf Minuten in der Auftragsbearbeitung vorliegen“ ist überprüfbar.

2. Ist der Prozess hinreichend geklärt?

Automatisierung braucht einen stabilen Gegenstand. Dafür sollten mindestens bekannt sein:

  • Auslöser und erwartetes Ergebnis,
  • Normalablauf und wesentliche Varianten,
  • beteiligte Rollen und Systeme,
  • benötigte Informationen und deren Herkunft,
  • Entscheidungen, Freigaben und Kontrollen,
  • typische Ausnahmen und deren Bearbeitung.

Ein Prozess muss nicht unveränderlich sein. Wenn Beteiligte aber unterschiedliche Vorstellungen von Ablauf und Ergebnis haben, sollte zuerst der Prozess geklärt werden.

3. Wie gut lässt sich die Arbeit vorab beschreiben?

Klassische Automatisierung eignet sich besonders, wenn Entscheidungen durch eindeutige Regeln abbildbar sind. Prüfe:

  • Sind Eingaben und zulässige Ergebnisse bekannt?
  • Lassen sich Regeln ohne situatives Erfahrungswissen formulieren?
  • Erzeugt derselbe Fall unter denselben Bedingungen dasselbe Ergebnis?
  • Sind Abbruch- und Übergabepunkte bestimmbar?

Wo mehrdeutige Inhalte beurteilt werden müssen, kann KI ein mögliches Hilfsmittel sein. Das ändert aber nichts an der Pflicht, gewünschtes Ergebnis, Prüfkriterien und Umgang mit Unsicherheit festzulegen.

4. Stimmen Volumen und Wiederholungsgrad?

Hohes Volumen, kurze Taktung und gleichartige Fälle begünstigen Automatisierung. Doch auch ein seltener Vorgang kann geeignet sein, wenn Fehler besonders teuer sind oder Fristen zuverlässig eingehalten werden müssen.

Erhebe für einen repräsentativen Zeitraum:

Kennzahl Leitfrage
Vorgangsmenge Wie oft tritt der Fall tatsächlich auf?
Bearbeitungszeit Wie viel aktive Arbeitszeit bindet er?
Durchlaufzeit Wie lange dauert er einschließlich Warten?
Fehler- und Nacharbeitsquote Wie oft muss korrigiert oder nachgefragt werden?
Variantenanteil Wie viele Fälle folgen wirklich dem Normalablauf?

Ohne Ausgangswerte lässt sich später kaum beurteilen, ob die Automatisierung gewirkt hat.

5. Sind Daten und Systeme geeignet?

Ein technischer Ablauf ist nur so verlässlich wie seine Eingaben und Verbindungen. Zu prüfen sind:

  • Sind notwendige Daten digital, strukturiert und rechtzeitig verfügbar?
  • Werden Begriffe und Identitäten in den Systemen gleich verstanden?
  • Ist geklärt, welches System welche Daten führt?
  • Gibt es belastbare Schnittstellen oder wären fragile Umwege nötig?
  • Können Verarbeitung und Fehler nachvollziehbar protokolliert werden?
  • Sind Zugriffsrechte, Schutzbedarf und Aufbewahrung geklärt?

Wenn Mitarbeitende heute fehlende Daten stillschweigend ergänzen, muss dieses Wissen vor der Automatisierung sichtbar werden.

6. Wie werden Ausnahmen und Fehler behandelt?

Der Normalfall zeigt die technische Machbarkeit; die Ausnahmen bestimmen häufig den betrieblichen Aufwand. Frage:

  • Woran erkennt das System, dass es nicht weiterarbeiten darf?
  • Wer erhält dann welche Information?
  • Kann ein Mensch den Vorgang übernehmen, korrigieren und fortsetzen?
  • Sind automatische Wiederholungen sicher oder erzeugen sie Dubletten?
  • Kann ein fehlerhaftes Ergebnis rückgängig gemacht werden?
  • Wie wird verhindert, dass Fälle unbemerkt liegen bleiben?

Eine Lösung ohne geregelten Ausnahmeweg verlagert Arbeit, statt sie zu reduzieren.

7. Sind Folgen und Risiken angemessen?

Je schwerer ein Fehler erkennbar oder korrigierbar ist, desto höher müssen Prüfung und Kontrolle sein. Bewerte insbesondere Auswirkungen auf:

  • Kunden und vertragliche Zusagen,
  • Finanzen und Liquidität,
  • Datenschutz und Informationssicherheit,
  • Sicherheit von Menschen oder Anlagen,
  • Nachweispflichten und Reputation,
  • Handlungsfähigkeit bei Systemausfall.

Bei kritischen Entscheidungen können Vier-Augen-Freigabe, Stichproben, Grenzwerte oder eine bewusste manuelle Entscheidung angemessen sein.

8. Trägt sich die Lösung über ihren Lebenszyklus?

Vergleiche nicht nur eingesparte Bearbeitungsminuten mit Einführungskosten. Berücksichtige:

  • Analyse, Gestaltung, Umsetzung und Einführung,
  • Lizenzen, Infrastruktur und externe Leistungen,
  • Tests, Überwachung und Fehlerbearbeitung,
  • Anpassungen bei Prozess- oder Systemänderungen,
  • Schulung und Dokumentation,
  • Rückbau- und Wechselmöglichkeiten,
  • zusätzlichen Nutzen durch Qualität, Geschwindigkeit oder Transparenz.

Eine kleine, robuste Unterstützung kann wirtschaftlicher sein als eine vollständige Automatisierung mit vielen Sonderfällen.

9. Wer trägt die Verantwortung?

Vor dem Start müssen mindestens drei Verantwortungen geklärt sein:

  • Prozessverantwortung: Entscheidet über Ergebnis, Regeln und Prioritäten.
  • Datenverantwortung: Sichert Bedeutung und Qualität der verwendeten Informationen.
  • Betriebsverantwortung: Überwacht die technische Lösung und reagiert auf Störungen.

Verantwortung darf nicht im Übergang zwischen Fachbereich, IT und Dienstleister verschwinden.

10. Wie lässt sich die Annahme prüfen?

Beginne mit einem begrenzten Ausschnitt, einer klaren Nutzergruppe und einem rückholbaren Ergebnis. Lege vorher fest:

  • welche Wirkung erwartet wird,
  • mit welchen Kennzahlen sie bewertet wird,
  • welche Fehler- und Ausnahmequote akzeptabel ist,
  • wann der Versuch beendet oder ausgeweitet wird,
  • wie im Störungsfall manuell weitergearbeitet werden kann.

Nach dem Pilot werden nicht nur Geschwindigkeit und Kosten bewertet, sondern auch Nacharbeit, neue Kontrollaufgaben, Akzeptanz und Abhängigkeiten.

Eine kompakte Entscheidung

Ein Prozess ist ein guter Automatisierungskandidat, wenn sein Ziel geklärt, der Normalfall stabil, die Regeln beschreibbar, die Daten verlässlich und die Ausnahmen beherrschbar sind. Zusätzlich müssen Nutzen, Folgen und laufender Betrieb in einem angemessenen Verhältnis stehen.

Fehlt eine dieser Grundlagen, lautet die richtige Entscheidung nicht zwingend „nein“, sondern oft: erst klären, dann vereinfachen, anschließend gezielt automatisieren.

Direkt anwenden

Automatisierungseignung prüfen

Bewerte einen konkreten Prozesskandidaten vor der Auswahl eines Werkzeugs.

ca. 15 Minuten
Abschlussprüfung

Die Eingaben bleiben auf diesem Gerät und werden nicht übertragen oder gespeichert.

Anschlussfragen

Häufig gefragt

Muss ein Prozess vor der Automatisierung vollständig standardisiert sein?

Nein. Ziel, Normalfall, wesentliche Varianten und Ausnahmeweg müssen aber ausreichend verstanden sein, damit die Technik nicht unbemerkt falsche Annahmen festschreibt.

Wann ist eine Teilautomatisierung besser?

Wenn einzelne stabile Beiträge gut automatisierbar sind, während Beurteilung, seltene Ausnahmen oder folgenreiche Entscheidungen bewusst beim Menschen bleiben sollen.