Axiom 3 – Organisation und menschliches Handeln beeinflussen sich wechselseitig

Axiomatische Aussage

Organisation und menschliches Handeln beeinflussen sich wechselseitig.

Organisation schafft Bedingungen, innerhalb derer Menschen handeln.

Menschen reagieren auf diese Bedingungen und gestalten durch ihr Handeln zugleich die Organisation, innerhalb derer zukünftiges Handeln stattfindet.

Organisation ist deshalb weder unabhängig von Menschen noch vollständig durch einzelne Menschen bestimmt.

Erläuterung

Organisation kann Verantwortlichkeiten definieren, Prozesse dokumentieren, Entscheidungsrechte verteilen, Informationswege festlegen und Standards schaffen.

Damit beeinflusst sie menschliches Handeln.

Sie bestimmt es jedoch nicht vollständig.

Menschen interpretieren organisatorische Vorgaben, wenden sie auf konkrete Situationen an, entwickeln Routinen, finden Abkürzungen, lösen nicht vorgesehene Situationen oder umgehen Regeln, die sich in der Praxis als unbrauchbar erweisen.

Dadurch entsteht zwischen formaler Organisation und tatsächlichem Handeln eine fortlaufende Wechselwirkung.

Organisation existiert nicht nur auf dem Papier

Ein dokumentierter Prozess beschreibt zunächst, wie gearbeitet werden soll.

Ob er tatsächlich Teil der gelebten Organisation ist, zeigt sich darin, wie Menschen mit ihm umgehen.

Ist beispielsweise formal festgelegt, dass Mitarbeiter bestimmte Entscheidungen selbst treffen dürfen, sichern sie diese in der Praxis aber regelmäßig beim Inhaber ab, unterscheidet sich die gelebte Organisation von der formalen.

Umgekehrt können wiederkehrende Vorgehensweisen zu informellen organisatorischen Regeln werden, obwohl sie niemals ausdrücklich beschlossen wurden.

Wann wird individuelles Handeln zu Organisation?

Nicht jedes individuelle Verhalten ist Organisation.

Eine einzelne ungewöhnliche Entscheidung verändert das Organisationssystem nicht automatisch.

Organisatorisch relevant wird individuelles Handeln insbesondere dann, wenn es über den Einzelfall hinaus Wirkung entfaltet – etwa weil es wiederholt, von anderen übernommen, erwartet oder als normale Vorgehensweise akzeptiert wird.

Einzelhandlung ist nicht gleich organisatorisches Muster.

Organisation zeigt sich dort, wo Handlungen wiederkehrende Erwartungen und Muster erzeugen oder bestehende Muster bestätigen.

Organisation reproduziert sich durch Handeln

Viele organisatorische Regeln bestehen dauerhaft, weil Menschen sie wiederholt anwenden.

Formale und informelle Regeln werden im täglichen Handeln fortlaufend reproduziert. Dadurch können sie zugleich bestätigt, verändert oder durch neue Muster ersetzt werden.

Eine formale Organisationsänderung ist deshalb noch keine tatsächliche Organisationsänderung.

Erst wenn sie sich im gelebten Handeln niederschlägt, verändert sich die gelebte Organisation.

Formale und gelebte Organisation

Formale Organisation beschreibt bewusst festgelegte organisatorische Strukturen.

Gelebte Organisation beschreibt die wiederkehrenden Muster, nach denen Menschen tatsächlich handeln.

Beide können übereinstimmen, müssen es aber nicht.

Die Differenz zwischen ihnen ist ein wichtiger Gegenstand der späteren Organisationsdiagnostik.

Rückkopplung

Organisation beeinflusst Handeln. Handeln erzeugt Erfahrungen. Erfahrungen beeinflussen zukünftiges Handeln. Wiederholtes Handeln kann organisatorische Muster verändern.

Vereinfacht:

Organisation → Handeln → Erfahrung → verändertes Handeln → Organisation

Organisation ist damit kein statischer Zustand.

Abgrenzung

Das Axiom behauptet weder, dass jede menschliche Handlung die Organisation verändert, noch dass Organisation menschliches Verhalten vollständig bestimmt.

Der Einfluss ist auch nicht notwendigerweise symmetrisch. Macht, Verantwortung und organisatorische Position können beeinflussen, wie stark individuelles Handeln auf Organisation zurückwirkt.

Konsequenzen

Bedeutung für das Framework

Axiom 3 verhindert, dass das Framework Organisation als statische Konstruktion versteht.

Ein Unternehmen lässt sich weder allein durch Organigramme, Prozesse und Rollenmodelle noch allein durch individuelles Verhalten erklären.

Das Framework untersucht deshalb die Wechselwirkung zwischen organisatorischen Bedingungen und menschlichem Handeln.

Der Gedanke der organisatorischen Reproduktion durch wiederkehrendes Handeln wird für die spätere Modellentwicklung gesondert weiterverfolgt.