Axiom 2 – Keine Organisation kann alle relevanten zukünftigen Situationen vollständig vorwegnehmen
Axiomatische Aussage
Keine Organisation kann alle relevanten zukünftigen Situationen vollständig vorwegnehmen.
Unternehmen treffen auf neue Situationen, veränderte Bedingungen, unvollständige Informationen, Ausnahmen und Zielkonflikte.
Organisation kann den Umgang mit solchen Situationen vorbereiten und strukturieren. Sie kann ihn jedoch nicht in jedem Fall vollständig vorbestimmen.
Jede Organisation besitzt deshalb Grenzen dessen, was durch bestehende Regeln und Strukturen bereits festgelegt werden kann.
Erläuterung
Organisation entsteht unter bestimmten Bedingungen.
Ein Unternehmen entwickelt beispielsweise einen Ablauf für Reklamationen, definiert Verantwortlichkeiten für Angebote oder legt fest, wer bestimmte Entscheidungen treffen darf.
Diese Strukturen beruhen auf Annahmen darüber, welche Situationen auftreten und wie mit ihnen umgegangen werden soll.
Unternehmen handeln jedoch nicht unter vollständig konstanten Bedingungen. Neue Anforderungen, fehlende Informationen, Zielkonflikte, Ausfälle oder Veränderungen können Situationen erzeugen, die durch bestehende Regeln nicht vollständig bestimmt sind.
Es entsteht Handlungsspielraum.
Offenheit ist nicht gleich Organisationsmangel
Wenn eine Situation organisatorisch nicht vollständig geregelt ist, folgt daraus nicht automatisch, dass die Organisation schlecht gestaltet wurde.
Es kann sinnvoll sein, Entscheidungen bewusst offenzulassen. Eine Organisation, die für jede denkbare Situation verbindliche Regeln schaffen will, kann dadurch unnötige Komplexität erzeugen und erforderliches Urteilsvermögen einschränken.
Organisation steht deshalb nicht vor der Aufgabe, jede mögliche Situation vorab zu regeln.
Vorhersehbare und neue Situationen
Viele Situationen treten regelmäßig auf und lassen sich mit ausreichender Zuverlässigkeit vorhersehen. Andere sind neu, selten, mehrdeutig oder stark kontextabhängig.
Zwischen beiden Kategorien besteht keine unveränderliche Grenze.
Eine zunächst außergewöhnliche Situation kann sich wiederholen. Was gestern eine Ausnahme war, kann morgen Bestandteil des normalen Betriebs sein.
Damit verändert sich auch das, was sinnvollerweise organisatorisch abgebildet werden kann.
Organisation und Unsicherheit
Organisation beseitigt Unsicherheit nicht.
Sie kann Unsicherheit reduzieren, strukturieren und den Umgang mit ihr erleichtern.
Ein Entscheidungsrahmen kann beispielsweise festlegen, wer bei einem unbekannten Fall entscheiden darf, ohne die konkrete Entscheidung selbst vorwegzunehmen.
Organisation kann deshalb auch darin bestehen, den Umgang mit nicht geregelten Situationen zu organisieren.
Abgrenzung
Das Axiom behauptet nicht, dass Organisation grundsätzlich unzureichend ist.
Es behauptet ebenso wenig, dass möglichst wenig geregelt werden sollte.
Welche Situationen organisatorisch abgebildet werden sollten und welche bewusst Handlungsspielraum benötigen, ist eine Gestaltungsfrage. Diese beantwortet das Axiom selbst nicht.
Konsequenzen
- Vollständige organisatorische Vorherbestimmung ist kein Ideal des Frameworks.
- Nicht jede Abweichung von einem definierten Ablauf ist ein Organisationsfehler.
- Handlungsspielraum ist Bestandteil von Organisation und nicht automatisch deren Versagen.
- Organisation kann nicht nur konkrete Handlungen regeln, sondern auch Entscheidungsräume strukturieren.
- Wiederholt auftretende Ausnahmen können Anlass für eine organisatorische Neubewertung sein.
- Organisation muss mit Unsicherheit umgehen können, ohne sie vollständig beseitigen zu können.
Bedeutung für das Framework
Axiom 2 setzt eine Grenze für den Anspruch des Frameworks.
Das Ziel besteht nicht darin, ein Unternehmen vollständig durch Prozesse, Regeln und Standards zu beschreiben.
Die zentrale Gestaltungsfrage lautet vielmehr:
Was sollte die Organisation vorgeben – und wo sollte sie bewusst Handlungsspielraum lassen?
Diese Frage wird später unter anderem für Prozesse, Rollen, Entscheidungsrechte, Standards, Dokumentation und Automatisierung relevant.