Axiom 1 – Kein Unternehmen arbeitet ohne organisatorische Regeln und Muster
Axiomatische Aussage
Kein Unternehmen arbeitet ohne organisatorische Regeln und Muster.
Sobald Menschen gemeinsam an einem Unternehmenszweck arbeiten, entstehen Regeln für Zusammenarbeit, Informationsfluss, Verantwortung und Entscheidungen.
Diese Regeln können bewusst gestaltet oder historisch entstanden, dokumentiert oder undokumentiert, formal oder informell sein.
Daraus folgt:
Jedes Unternehmen besitzt ein Organisationssystem.
Entscheidend ist nicht nur, wie das Unternehmen nach eigener Vorstellung funktionieren soll, sondern welche Regeln und Muster sein tatsächliches Handeln prägen.
Erläuterung
Auch ein Unternehmen ohne dokumentierte Prozesse, Organigramme oder Managementsysteme verfügt über organisatorische Regeln und Muster.
Angebote werden auf eine bestimmte Weise erstellt. Entscheidungen werden von bestimmten Personen getroffen. Informationen werden auf bestimmten Wegen weitergegeben. Verantwortung wird übernommen oder vermieden. Menschen entwickeln Routinen, nach denen sie ihre Aufgaben erledigen.
Diese Regeln müssen weder ausgesprochen noch dokumentiert sein, um wirksam zu sein.
Gerade in kleineren Unternehmen entstehen viele organisatorische Strukturen schrittweise durch Gewohnheit, Erfahrung und wiederholte Entscheidungen. Dabei können unterschiedliche lokale Arbeitsweisen nebeneinander bestehen.
Das Problem besteht deshalb nicht darin, dass ein Unternehmen keine Organisation besitzt. Relevant ist, wie bewusst sie gestaltet, wie konsistent ihre Bestandteile aufeinander abgestimmt und wie wirksam sie für die Handlungsfähigkeit des Unternehmens ist.
Formale und gelebte Organisation
Das Framework unterscheidet zwischen formaler und gelebter Organisation.
Formale Organisation beschreibt, wie gearbeitet werden soll.
Gelebte Organisation zeigt sich darin, wie tatsächlich gearbeitet wird.
Ein Unternehmen kann beispielsweise einen definierten Freigabeprozess besitzen. Wenn Menschen Entscheidungen in der Praxis dennoch regelmäßig beim Inhaber absichern, gehört diese informelle Eskalation zur gelebten Organisation.
Für die Diagnose ist daher nicht allein entscheidend, welche Regeln dokumentiert wurden. Entscheidend ist auch, welche Regeln und Muster das tatsächliche Handeln bestimmen.
Abgrenzung
Organisation ist weder mit Software noch mit einer einzelnen Managementmethode gleichzusetzen.
Zum Organisationssystem gehören auch nicht sämtliche Eigenschaften eines Unternehmens. Geschäftsmodell, Produkte oder Marktposition sind davon zu unterscheiden.
Ein bewusst gestaltetes Organisationssystem bedeutet außerdem nicht zwangsläufig mehr Regeln oder mehr Bürokratie.
Konsequenzen
- Organisation muss nicht erst eingeführt werden – organisatorische Regeln und Muster sind bereits vorhanden.
- Organisationsentwicklung beginnt mit dem Verständnis der bestehenden Organisation.
- Die gelebte Organisation ist für die Diagnose ebenso relevant wie dokumentierte Regeln.
- Unterschiedliche lokale Arbeitsweisen sind nicht automatisch problematisch; entscheidend ist ihre organisatorische Wirkung.
- Wiederkehrende organisatorische Probleme sind ein Anlass, die zugrunde liegenden Regeln und Muster zu untersuchen.
Bedeutung für das Framework
Axiom 1 bildet den Ausgangspunkt des Frameworks.
Das Framework setzt nicht voraus, dass Organisation erst geschaffen werden muss. Es macht bestehende organisatorische Regeln und Muster sichtbar, untersucht ihre Funktionsweise und schafft damit die Grundlage für ihre bewusste Gestaltung.